Anregungen für die praktische Weiterentwicklung Sozialer Kooperationen

Eine neue Balance im Verhältnis von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit jeweils veränderten Rollen und Aufgaben bei der Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme im Sinne eines übergreifenden gemeinsamen Interesses am Gemeinwohl - vor diesem Hintergrund gewinnt das Engagement von Unternehmen im Gemeinwesen jenseits der traditionellen Spenden- und Sponsoring-Praxis eine weitreichende Bedeutung. Jedes Kooperationsprojekt vermittelt demnach tendenziell im Alltag verankerte praktische Erfahrungen der beteiligten Unternehmen, Organisationen und Verwaltungen mit dieser neuen “Verantwortungsteilung”, ihren Möglichkeiten, Grenzen und ihren Gelingens-Bedingungen. Im Tun und praktischen Impulsen liegt damit einer der Schlüssel für die Verbreitung und Vertiefung Sozialer Kooperationen. Wichtige Aufgaben für die nächste Etappe sind aus meiner Sicht folgende:

Ziele und Konzepte von Organisationen

Für gemeinnützige Organisationen steht bislang vor allem die Frage nach zusätzlichen finanziellen Ressourcen im Mittelpunkt. Dies bestimmt ihr Verhältnis zu den Unternehmen. Mehr und bessere Unternehmenskooperationen können hingegen nur erreicht werden, wenn die gemeinnützige “Seite” eigene Vorstellungen über fachlich fundierte Ziele und den Nutzen der Kooperation mit Unternehmen für die Gemeinwesenentwicklung entwickelt. Auf dieser Grundlage können die Unternehmen dann auch zu qualifizierteren Anstrengungen “herausgefordert” und die viel beschworene “gleiche Augenhöhe” hergestellt werden. Ansatzpunkte sind hier z.B.:

  • kompetenz-orientierte Soziale Kooperationen zur Gewinnung von Know how, das die Weiterentwicklung von Organisationsaufgaben und -strukturen unterstützt und das Handlungsvermögen gemeinnütziger Organisationen erhöht (”capacity building”) - als Pro bono-Leistung (Unternehmen als kostenlose Dienstleister) und Know how-Transfer (Unternehmen als Coach).
  • adressaten-orientierte Soziale Kooperationen, in denen die Beziehungsqualität der Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten im Mittelpunkt steht und durch den direkten Kontakt zwischen UnternehmensmitarbeiterInnen und den Adressaten einer Organisation neue Räume für informelles Lernen eröffnet werden.

Selbstverständnis und Kooperation von Unternehmen

Bildung, Familie, Fachkräftemangel, Integration, sozialer Zusammenhalt - das Eigeninteresse von Unternehmen an Veränderung in diesen und anderen Bereichen ist groß, gesellschaftliches Engagement soll “einen Unterschied machen”. Selbst wenn oft noch ein Missverhältnis zwischen den Zielformulierungen und den tatsächlichen Investitionen von Unternehmen in Corporate Citizenship-Projekte zu beobachten ist - die Richtung ist dennoch klar: Neben den Nutzen für das Unternehmen tritt als mindestens ebenso wichtiges Kriterium der Beitrag zur gesellschaftlichen Problemlösung. Daraus folgt m.E. dreierlei:

  • Voraussetzung für ein wirksames Engagement ist die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und der öffentlichen Verwaltung von Anfang an, nicht erst bei der Umsetzung von Projekten, sondern bereits bei der Problembeschreibung und der Entwicklung von Zielen und Maßnahmen.
  • Um tatsächlich einen “Unterschied” zu machen, müssen sich engagierte Unternehmen mit anderen Unternehmen zusammenschließen und in kooperativen Programmen Ressourcen und Kompetenzen bündeln, die für die Umsetzung von Maßnahmen, ebenso aber auch für Konzeptentwicklung und das Management fokussierter Programme eingesetzt werden.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Erfolgreiche Kooperationsprojekte bauen in der Regel auf die fachlichen Leistungen der beteiligten Organisationen auf, die in vielen Fällen staatliche gefördert werden. Auch bei der Verbreitung erfolgreicher Innovationen wird in der Regel der Staat als Geldgeber und Garant von Qualität adressiert. Das hat Folgen für das Selbstverständnis und das Beziehungsgefüge der Kooperationspartner aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Staat.

Mittler-Profile

Soziale Kooperationen brauchen gut vernetzte “Kümmerer”, Brückenbauer, Grenzgänger, Mittler - Protagonisten im Gemeinwesen mit langem Atem und konkreten Visionen, die lokal wie national einer der wichtigsten Katalysatoren für die Vertiefung und Verbreitung von Corporate Citizenship sind. Hier stehen m.E. folgende Aufgaben an:

  • Die meisten Mittlern finanzieren ihre Arbeit aus einer Mischung von öffentlichen Projektförderungen, Spenden, Ehrenamt, Honoraren, Mitgliedsbeiträgen und mit einem hohen Einsatz an Engagement. Der öffentlichen Hand kommt hier die Aufgabe zu, ein Basis-Angebot als notwendige Infrastruktur abzusichern und gemeinsam mit den Akteuren vor Ort tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln.
  • Nicht nur Politik und Verwaltung, auch Unternehmen profitieren von der Arbeit professioneller Mittlerorganisationen im Hinblick auf Management, Qualität und Wirkung von Kooperationsprojekten, und sollten neben der direkten Vergütung von Dienstleistungen einen Beitrag zur Finanzierung der Mittlerstrukturen leisten.
  • Neben die Rolle als Dienstleister, die von einer wachsenden Zahl von Mittlern wahrgenommen wird, müssen auch weitergehende Aufgaben als “Entwicklungsagentur” und als “Dialogplattform” treten, um die Potenziale Sozialer Kooperationen weiter zu entwickeln.

Der derzeit wirkungsvollste Beitrag besteht m.E. darin, mit Hilfe der bestehenden Akteure und Strukturen die guten Erfahrungen mit der Marktplatz-Methode, mit Lokalen Aktionstagen, Patenprogrammen und Netzwerken zu multiplizieren. So können mit einfachen Mitteln überall dort, wo es noch keine nennenswerten Aktivitäten gibt, lokale Akteure aktiviert und praktische Erfahrungen mit neuen Sozialen Kooperationen vermittelt - und so eine breite Basis für die genannten Entwicklungsaufgaben geschaffen werden.