Attraktionspunkte und Stolpersteine für Heranwachsende in Social-Web-Angeboten – Die medienpädagogische Perspektive

Das JFF untersucht seit Herbst 2007 Online-Plattformen, insbesondere Social-Web-Angebote, im Hinblick darauf, was die Faszination dieser Netzwerke für Heranwachsende ausmacht, aber auch wo die Stolpersteine dabei liegen. Dabei sind zunächst zwei zentrale Elemente auszumachen, die Heranwachsende spätestens ab dem beginnenden Jugendalter zunehmend faszinieren:

Soziale Einbettung über virtuelle Kommunikations- und Interaktionsräume:
Soziale Einbettung in die Peergroup ist eines der wichtigen Themen für Heranwachsende, das über Communities realisiert werden kann: Wir finden Plattformen und Dienste, wie z.B. Instant Messenger, mit denen Jugendliche vorrangig ihr Bedürfnis nach Austausch mit Gleichaltrigen oder Gleichgesinnten befriedigen können. Die Instant Messenger sind dabei konzentriert auf verbale Kommunikation, z. B. mit Freunden oder der Familie. In den Communities spielt Kommunikation im Kontext von Selbstpräsentation eine größere Rolle und findet Erweiterungen z.B. über Kommentare, Fotos und Gästebucheinträge. Während in den Instant Messengern die Kommunikation mit Bekannten vorherrscht, geht es in Communities auch um ein beständiges Erweitern des Bekannten- und Freundeskreises.

Sich selbst und seine Produkte öffentlich machen:
Ein weiteres wichtiges Thema für Heranwachsende, dass Communities aufgreifen, ist die Veröffentlichung von selbst produzierten medialen Produkten. Nahezu ebenso wichtig ist es, die medialen Werke anderer ansehen oder anhören zu können. Zudem ist es in den Communities möglich und von den Mitgliedern erwünscht, Feedback auf Eigenproduktionen zu bekommen und auch anderen zu geben und so die Vernetzung mit anderen Produzentinnen und Produzenten zu suchen. Die hohen Zugriffszahlen, die für einige jugendnahe Internet-Plattformen bekannt sind, weisen darauf hin, dass Jugendliche die Erwartungen, die sie insgesamt an die Medien herantragen, zunehmend auch an diese Angebote der Medienwelt herantragen. Sie wollen sich auch dort amüsieren, sich in Beziehung zu anderen setzen, Spaß haben und sich zur Geltung bringen.

Problemlagen im Umgang

Aus medienpädagogischer Sicht sind sieben Bereiche zu benennen, in denen Handlungsbedarf besteht:

Räume für Identitätsarbeit:
Die soziale Einbindung im Virtuellen birgt neue Ressourcen, aber auch Problemaspekte, wenn z.B. Attraktivität vor allem über Bilder hergestellt wird, wenn sexuelle Belästigung im Virtuellen ängstigt oder die Online-Welt zur Fluchtstätte vor Problemen in realen Kontexten wird.

Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte:
Einerseits gehen die Nutzenden oftmals sehr freizügig mit personenbezogenen Informationen um, da sie sich als attraktive Partner inszenieren wollen, andererseits ist dieses Problem auch an den Angeboten festzumachen, wenn bspw. Profilseiten ohne Anmeldung abzurufen sind. Nicht zuletzt wirft dies Fragen nach der Wertigkeit des Rechtes auf informationelle Selbstbestimmung auf.

Umgang mit Urheber- und Bildrechten:
Die Angebote bieten viele und einfache Möglichkeiten, multimediale Materialien einzustellen, zu verbreiten oder weiterzuverarbeiten. Hier stellen insbesondere die Veröffentlichung von Bildern anderer Personen ohne deren voriges Einverständnis und die (Wieder-)Veröffentlichung von urheberrechtlich geschützten Material Problemaspekte des Medienhandelns dar.

Glaubwürdigkeit:
Gerade in Social-Web-Angeboten sind die Quellen von Produkten oder Meinungsäußerungen weitgehend anonym. So stellt bspw. Youtube eine Plattform zur Verfügung auf der viele, weitgehend anonyme Produzierende ihre Inhalte einstellen können. Weitere Kontexte, wie URLs oder ähnliches zur Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Inhalte entfallen damit.

Partizipation und Kommunikation:
Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme sowie Feedback- und Bewertungsstrukturen können in sozialer Weise wie auch in asozialer Weise genutzt werden. Mobbing oder „Cyberbullying“ sind die hier gängigen Schlagworte für Belästigung oder Ausgrenzung im Internet die Jugendliche gegebenenfalls erleben müssen.

Problematische Inhalte:
An den Social-Web-Diensten wird insbesondere deutlich, dass das Internet ein weltweiter Raum ist. Die nationale Gesetzgebung hat bspw. hinsichtlich des Jugendschutzes vor pornografischen oder gewaltverherrlichenden Inhalten nur begrenzte Wirkungskraft. Ungewollte Konfrontation wie auch die Möglichkeit des bewussten Aufsuchens dieser Inhalte sind in der Konsequenz möglich und Meldesysteme alleine reichen hier als Schutz keinesfalls aus.

Kommerz:
Kostenpflichtige Zusatzdienste oder versteckte Werbemaßnahmen sind nur zwei Aspekte, die (auch aus Sicht von Jugendlichen) Problembereiche der Kommerzialisierung von Social-Web-Angeboten umreißen. Dies betrifft einerseits die Geschäftsmodelle der Betreiber, aber auch virale Kampagnen von vermeintlich privaten Nutzenden.

Dieser Handlungsbedarf ist sowohl im erzieherischen Umfeld der Jugendlichen selbst als auch von Seiten der Anbieter ernst zu nehmen und mit entsprechenden Maßnahmen umzusetzen:

Rolle des erzieherischen Umfelds

Ein großes Problem in erzieherischen Feldern ist zunehmend die Generationenkluft. Eltern wie auch pädagogische Fachkräfte haben oftmals wenig Kenntnis darüber, wie und weshalb sich Jugendliche in der heutigen Medienwelt bewegen. Teils ist dies auch durch Angebote erschwert, die Erwachsenen explizit einen Einblick verwehren. Die Beweggründe von Jugendlichen zu kennen, ist eine wichtige Voraussetzung für das erzieherische Handeln, aber auch die Kenntnis der Angebote, um die Jugendlichen bei einem selbstbestimmten Umgang und bei auftauchenden Problemen zu unterstützen. Die Verantwortung der Eltern muss gestärkt werden, in dem sie möglichst umfassende Informationen erhalten, zudem sind Hilfestellungen für Pädagoginnen und Pädagogen notwendig, um die Jugendlichen bspw. in medienpädagogischen Projekten für die Medienwelt fit zu machen.

Verantwortung der Anbieter

In der Gestaltung der Angebote, der Formen der Bewerbung und auch der Möglichkeiten, seine Privatsphäre zu schützen, kommt den Anbietern eine bedeutende Verantwortung zu. Voreinstellungen, die der Veröffentlichung von eigenen Daten ein bewusstes Zustimmen voraussetzen, können dabei nur ein erster, beispielhafter Schritt sein, um die Probleme mit technisch verbesserten Systemen anzugehen. Darüber hinaus ist insbesondere auch von den Anbietern bzw. Betreibern von Social-Web-Angeboten eine proaktive Aufklärung der Nutzenden und ihres Umfelds (Eltern, Schule etc.) über die Möglichkeiten aber auch Probleme der Dienste zu verlangen, die für alle Nutzenden verständlich und transparent gemacht werden müssen.