Der Mensch ist ein Herdentier - auch im Internet

Social Communities sind eine der maßgeblichen Erfolgsgeschichten des sog. Web2.0. Nach einer repräsentativen Erhebung des BITKOM hat heute fast jeder fünfte Deutsche Informationen über sich im Internet veröffentlicht. In der Generation der 14- bis 29-Jährigen bereits jeder Zweite. Mit Abstand am beliebtesten sind dabei Profile in sozialen Netzwerken. Ob Schüler-, Studenten- oder Businessnetzwerk – die Wachstumsraten der Plattformen beweisen: Der Mensch ist ein Herdentier - auch im Internet.

Chats, Communities & Co sind eine Möglichkeit, ein eigenes Image zu kreieren

Wollen wir Gefahren in den Netzwerken beleuchten und verringern müssen wir daher zuerst den Reiz und die Anziehungskraft der Communities verstehen und akzeptieren. Gerade Jugendliche entdecken und entwickeln in ihnen die Lust an der “Inszenierung des Privaten”. Soziale Netzwerke bilden reale Freundeskreise ab, gehen aber auch darüber hinaus, weil sie auch den Aufbau weitergehender virtueller Netzwerke ermöglichen. Vor allem aber ist das Profil für viele Jugendliche ein wichtiger Bestandteil der Kreation eines eigenen “Images”. So, wie es etwa der Musikgeschmack oder die Kleidung schon immer waren. Diese Bedeutung ist vielen Erwachsenen nur wenig geläufig – die Generation der 10- bis 18-Jährigen ist im Netz sozialisiert worden und bringt daher ein völlig neues Grundverständnis von Privatheit und Öffentlichkeit mit. Dieses gewandelte Verständnis ist der Hintergrund vieler Missverständnisse um die Netzwerke in der öffentlichen Diskussion, gleichzeitig allerdings auch der Ausgangspunkt für die ohne Frage notwendige Sensibilisierung junger Nutzer bezüglich etwaiger Gefahren.

Die Schärfung des Bewusstseins für das eigene Verhalten ist wichtig

Die wichtigste Erkenntnis: Das Netz ist gerade nicht das reale Leben, gleichzeitig aber eine bedeutende Schnittstelle hierzu. Es mag für Erwachsene gewöhnungsbedürftig erscheinen, wenn junge Nutzer heute von 300 “Freunden” sprechen und damit ihr Online-Profil meinen. Probleme ergeben sich indes daraus erst dann, wenn all diese Netzkontakte auch mit der gleichen Offenheit behandelt werden, wie der reale Freundeskreis. Die Sensibilisierung Jugendlicher muss daher vor allem auf die Schärfung des Bewusstseins für das eigene Verhalten abzielen: Was möchte ich wem mitteilen? Und wie würde ich offline agieren?

Wer Jugendliche schützen will, muss nicht zuletzt auch die Erwachsenen (und sich selbst) sensibilisieren

Den Anbietern von Social Networks wie auch anderen Unternehmen der Digitalwirtschaft kommt in diesem Sensibilisierungsprozess eine bedeutsame Rolle zu. Sie bilden die unmittelbare Schnittstelle zu den Nutzern und die Zufriedenheit ihrer Kunden ist ein maßgeblicher Erfolgsfaktor für die Geschäftsmodelle. Für die Aufklärung und Sensibilisierung der Kinder und Jugendlichen sollten dabei die Medien genutzt werden, auf die sie sich beziehen: Community-Mitglieder wird man am besten in der Community erreichen, Chatfans am besten auf den entsprechenden Plattformen. Und noch wichtiger: Wer Jugendliche schützen will, muss nicht zuletzt auch die Erwachsenen (und sich selbst) sensibilisieren, denn die viel beschworene Medienkompetenz Jugendlicher ist an vielen Stellen der Kompetenz ihrer Eltern um Lichtjahre voraus.

Allgemeine datenschutzrechtliche Grundprinzipien passen nicht unbedingt

Auch Datenschützer schauen naturgemäß mit einer gewissen Skepsis auf die Netzwerke und auf das sich in diesen Netzwerken widerspiegelnde Grundverständnis vom Umgang mit eigenen Daten. Häufig werden daher allgemeine datenschutzrechtliche Grundprinzipien auf die Plattformen angewendet, so etwa die Forderung zur Ermöglichung pseudonymer Nutzung. Gerade das Beispiel der Nutzung unter “Nicknames” zeigt jedoch auch, dass nicht alles, was im Datenschutzrecht bekannt und bewährt ist, auch für die Communities der Königsweg ist. Aus der Perspektive des Jugendschutzes etwa sind  “Grooming”, also Annäherungsversuche Erwachsener gegenüber jugendlichen Teilnehmern oder “Cyberbullying”, also Mobbing unter Schülern unter Einsatz von Medien große Herausforderungen. Pseudonyme Nutzung aber fördert gerade diese Missbrauchstendenzen und widerspricht dem Charakter der Netzwerke. Am wichtigsten ist aber: Reden wir nicht über Jugendliche, sondern mit ihnen! Oder anders ausgedrückt:

Diskutiere mit!