Als Vertreterin der Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik möchte ich das Thema “Brücke oder Graben: Welchen Einfluss hat die moderne Telekommunikation auf die gesellschaftliche Integration von Menschen mit Behinderungen” aus der Perspektive von Hörgeschädigten diskutieren.
Um es vorab zu sagen: Aus meiner Sicht ist es tatsächlich so, dass moderne Telekommunikation für Menschen mit Hörschädigung auf der einen Seite Erleichterungen mit sich bringt und neue Möglichkeiten eröffnet. Auf der anderen Seite führen die neuen Medien aber auch dazu, Probleme der Hörgeschädigten in der Kommunikation zu unterschätzen. Denken wir zunächst an die Situation eines hochgradig hörgeschädigten Menschen, dem es früher nicht möglich war, ohne die Hilfe eines Hörenden einen Termin kurzfristig telefonisch ab- oder zuzusagen. SMS macht es möglich! Das Handy fand in der Bevölkerung eine extrem rasche Verbreitung; unter den Hörgeschädigten ging es besonders schnell. Die verkürzte Schriftsprache einer SMS, die sich auf die Übermittlung von Kerngedanken beschränkt, kommt nicht wenigen Hörgeschädigten entgegen. Das heute den Hörgeschädigten durch die neuen Medien vieles schneller und unkomplizierter zugänglich ist, führt aber nicht selten dazu, dass Personen mit weniger häufigen Kontakt zu Hörgeschädigten deren Kommunikationsmöglichkeiten überschätzen und Kommunikationsprobleme unterschätzen. Dass sie dennoch von vielen Informationen ausgegrenzt oder diese ihnen nur unter erschwerten Bedingungen zugänglich sind, wird selten beachtet.
Vielleicht ließe sich das eine oder andere Hindernis sogar relativ schnell beseitigen: Betrachten wir einen altersschwerhörigen Menschen, der voll laut- und schriftsprachkompetent ist, aber das Telefonat aufgrund seiner progredient verlaufenden Schwerhörigkeit nicht mehr ausführen kann und der auch keine SMS verschicken kann, da die Tastatur eines Handys zu klein ist und daher schlecht oder nicht mehr für ihn zu bedienen ist. Auch sind die Zahlen und Buchstaben aufgrund der ebenfalls altersbedingten Sehschwäche nicht mehr oder nicht mehr ausreichend zu erkennen. - Der modische Trend geht zu immer kleineren, leichteren Handys. Dem Menschen mit Altersschwerhörigkeit nützt ein Handy, was er benutzen kann, mehr als ein kleines, leichtes in der Hosen- oder Jackentasche.
Derartige Beispiele können nahezu beliebig fortgesetzt werden. Um hörgeschädigten Menschen - ob jung oder alt - eine barrierefreie Kommunikation und Teilhabe an allen Informationen zu ermöglichen, muss noch viel getan werden. Dieses Ziel kann am ehesten erreicht werden, wenn alle Beteiligten in einen intensiven Austausch treten - angesprochen sind hier Herstellerfirmen, Menschen mit Behinderungen als Betroffene, Wissenschaftler und Politiker. Sie alle bringen unterschiedliche Kompetenzen und Erfahrungen ein, die im Zusammenspiel zum Erfolg führen können!