Für Kinder sind Handys ganz normale Medien wie Radio, MP3-Player, Fernseher oder Computer

Kinder brauchen zu Essen, ein Zuhause, sorgende und liebende Eltern, Freunde usw. Ein Handy brauchen sie nicht. Die Frage ist aber, welche Bedürfnisse von Kindern und deren Eltern mit dem Handy angesprochen und ausgelebt werden. Wir wissen, dass bereits einige Kindergartenkinder Handys nutzen. Mit dem Übergang vom Grundschulalter zur weiterführenden Schule wird der Wunsch nach einem Handy bei vielen Kindern stärker ausgeprägt. Manche Eltern finden das Handy hinsichtlich der Sicherheit des Kindes und der kurzfristigen Organisations- und Absprachemöglichkeiten sehr nützlich. Die Kinder nutzen das Handy oftmals als einen normalen Teil aus der Palette der verschiedenen Medien wie Radio, MP3-Player, Fernseher oder auch Computer. Vor allem als kurzweiliges, multimediales und kreatives Spielzeug ist es für die Kinder interessant. Kommunikative Aspekte rücken erst mit dem Älterwerden in den Mittelpunkt.

Eltern und Pädagogen in Schule und Jugendhilfe sollten Kinder nicht alleine lassen. Sie sollten sich interessieren, viel fragen und sich erklären lassen. Das Gespräch suchen und manchmal grenzensetzende Reibefläche sein, das sind die wichtigsten Aufgaben der Erwachsenen. Kreative Anregungen geben hilft, wichtige Erfahrungen zu sammeln und Gefährdungslagen zu begegnen. Anbieter müssen Entwicklungsstand, Unerfahrenheit und die Bedürfnisse von Kindern berücksichtigen. Handys, mit denen man nur telefonieren kann oder die zur Überwachung von Kindern genutzt werden, entsprechen nicht den Bedürfnissen der Kinder und werden einer modernen Kindererziehung nicht gerecht.

Medienkompetenz

Je nach Alter, Erfahrung und Selbständigkeit des Kindes können Sperren oder gemeinsam vereinbarte Einschränkungen hinsichtlich der Handynutzung sinnvoll sein. Mit dem Älterwerden sollte aber die Medienkompetenzförderung ausgeweitet und damit auch die Eigenverantwortung der Kinder ausgebaut werden. Das gelingt nicht, indem man Kinder von allen Unbilden dieser Welt fernhält. Das gelingt eher dadurch,

  • dass Erwachsene das Kind stärken, Probleme zu erkennen,
  • dass der Mut, sich bei Problemen an nahe stehende Erwachsene zu wenden, belohnt wird und
  • dass Bezugpersonen interessante und spannende Alternativen zum möglichen Gruppendruck der Gleichaltrigengruppe anbieten und damit das ‚Nein-Sagen’ unterstützen sowie
  • dass Angebote unterstützt werden, die den aktiven, kreativen und kritischen Umgang mit dem Handy einüben und befördern.

Interessante pädagogische Angebote hat die Landesstelle Kinder- und Jugendschutz Sachsen-Anhalt e.V. entwickelt. Dazu gehören die Internetseite www.handywissen.info sowie die beiden Bücher “Spiel-Spaß-Wissen - Das Handy-Spielebuch” und “Spiel-Spaß-Wissen - Das Handy-Projektebuch”.

Verantwortung

Wer entscheidet eigentlich, was eine “sinnvolle” Handynutzung ist? Wer legt welchen Maßstab an? Eltern, Behörden und Unternehmen haben die Bedürfnisse, Erfahrungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Kinder zu berücksichtigen.

Eltern tun sehr, sehr viel für ihre Kinder, wenn sie dafür sorgen, dass zu Hause ein gutes, vertrauensvolles und angstfreies Klima herrscht. Wenn Kinder sich mit Fragen und Wünschen vertrauensvoll an Eltern wenden können, stärkt das die Kinder enorm. Ab und zu müssen Eltern aber auch den schweren Weg des Begrenzens gehen. Kinder brauchen Orientierung, die eben auch durch das Aufzeigen von Grenzen ermöglicht wird. Eltern müssen Grenzen setzen, so schwer, wie das oftmals auch ist. Nutzungszeiten sind auszuhandeln, über Kosten und deren Finanzierung zu verhandeln und eben ab und zu auch über bestimmte Inhalte, zu diskutieren, ob nun Foto, Video, Spiel oder Ton.

Behörden und Gesetzgeber müssen sehen, wie Kinder einerseits geschützt werden können, zum Beispiel indem kontrolliert wird, ob gesetzliche Vorgaben eingehalten werden. Gleichzeitig müssen sie dafür Sorge tragen, dass bedarfsgerechte Angebote zur Medienkompetenzentwicklung vorgehalten werden. Das beginnt mit Medienerziehung im Kindergartenalter und setzt sich über Schule, Freizeit bis hin in die Ausbildung von Pädagogen und die Information von Eltern fort.

Unternehmen tun gut daran, sensibler zu prüfen, wie Kinder Angebote nutzen und welche Ängste Eltern haben. Müssen Kinder und Jugendliche immer wieder mit Tabubrüchen oder grenzwertigen Werbungen und Angeboten angesprochen werden? Welche Schritte unternimmt die Mobilfunkbranche, um unseriöse Anbieter vom Markt zu drängen, die die Unerfahrenheit von Kindern ausnutzen, beispielsweise wenn das Handy als Bezahlinstrument missbraucht wird (Hausaufgaben, Internetchats …)? Könnten sich Mobilfunkanbieter und nutznießende Firmen nicht eine Selbstverpflichtung auferlegen und zum Beispiel zehn Prozent des jeweiligen Werbeetats für pädagogische Projekte mit und zum Thema Handy unterstützen? Branchenverbände, gemeinnützige Träger oder Selbstkontrollinstitutionen könnten hier verbindende Arbeit leisten. Teile dieser Gelder könnten dazu verwendet werden, staatliche Stellen wie Landkreise, Länder oder auf Bundesebene anzuregen, eigenes Geld in die entsprechenden Haushalte einzustellen und so paritätisch medienpädagogische Arbeit und Medienkompetenzförderung flächendeckend auszubauen.

Kinderhandys

Handys mit eingeschränkter Nutzungsmöglichkeit entsprechen möglicherweise dem Bild einiger besorgter Eltern, selten aber den Bedürfnissen der Kinder. Mit diesen Handys wird man eventuell kurzfristig vermeintliche Probleme fernhalten. Gleichzeitig werden aber wichtige Erfahrungsräume gesperrt. Wenn wir davon ausgehen, dass Medienkompetenz in Zukunft eine wichtige Kulturtechnik, eine Schlüsselqualifikation ähnlich dem Lesen und Schreiben sein wird, dann benötigen Kinder Zeit, Gelegenheit und kritische Begleitung beim Erwerb dieser Kompetenzen. Wir kommen auch mit eingeschränkter Funktionalität der Handys nicht an der Erziehung unserer Kinder vorbei. Kinder signalisieren deutlich, wann und warum ihnen ein Handy wichtig ist. Lassen Sie sich erklären, was das Kind mit dem Handy machen möchte, was es vom Handy bereits kennt und wie es mit Kosten umgehen möchte. Es ist kein Problem, bei den ersten Diskussionen nicht sofort “Hurra” zu rufen. Manchmal ist es eine Modewelle in der Klasse, die sich nach einigen Wochen wieder beruhigt hat. Aber der Zeitpunkt kommt sicher, an dem das Kind mit Nachdruck auf den Handywunsch hinweist. Vereinbaren Sie Nutzungsmodalitäten. Prüfen Sie gemeinsam von Zeit zu Zeit ihren “Vertrag”. Sicher werden Sie ihn nach und nach ausweiten.

Einige Handys bzw. Anbieter sind vor allem für Eltern interessant, weil sie die Möglichkeit bieten, durch Ortung festzustellen, wo sich ihr Kind gerade aufhält. So versprechen sie sich, dass sie dadurch erfahren, ob ihnen vorgegaukelt wird, zur Freundin zu gehen. In Wirklichkeit befindet sich das Kind aber vielleicht mit Kumpels im nahegelegenen Abrissgebiet, das die Eltern vorher untersagt hatten. Erziehung hat etwas mit Regeln, Grenzen und Anweisungen zu tun. Kinder sollten auf ihre Eltern hören. Eine direkte Kontrolle ist aber nicht immer möglich. Da erscheint so ein Handy, das man - gegen Gebühr - orten lassen kann, eine perfekte Lösung. Grenzen sind aber nur Grenzen, wenn daran gerüttelt werden kann. Es gehört entwicklungsbedingt dazu, dass Grenzen hin und wieder überschritten werden. Erzieherisches Handeln ist dann wieder besonders gefordert. Aber Erziehung hat auch etwas mit Vertrauen zu tun. Ein Kind muss beschützt werden, der Schutz wird aber mit zunehmendem Alter geringer. An diese Stelle treten Selbständigkeit und eigene Erfahrungen der Kinder. Wozu soll diese Ortung mittels Handy gut sein? Was kann diese Ortung besser als ein gutes, von Geborgenheit und Liebe geprägtes Familienklima?