“Ich bin gegruschelt worden!”

“Ich habe 587 Freunde!”, ”Ich bin in der Morgens-zum-Schulbus-Rennen-Gruppe” sind Aussagen Jugendlicher, die bei der Elterngeneration Verwunderung auslösen. Hatten sich Erwachsene nach den kostspieligen Telefonaten ihrer Kids in den 90er Jahren an den neuen Medienumgang, das Chatten, gewöhnt, geht die Entwicklung, insbesondere die jugendspezifische Aneignungsweise des Internets, des sogenannten Web 2.0 weiter.

Veränderte Kommunikationskultur

Heute bezeichnen ältere Jugendliche mit dem Begriff Chatten selten das Quasseln in einem Webchat, vielmehr beschreiben sie damit Aktivitäten beim Instant Messaging und in Communities wie “schuelerVZ” oder “wer-kennt-wen”. In den mit einem Poesiealbum und Freundschaftsbuch vergleichbaren Communities gehen Jugendliche Beschäftigungen nach, die auch schon ihre Eltern praktiziert haben – lediglich in einer anderen Medienform. Sie tauschen sich über ihren Alltag aus, besprechen jugendspezifische Probleme, bringen ihre Gefühle zum Ausdruck oder bauen Freundschaften aus bzw. pflegen sie. Reflexion, Diskussion, Handeln und Beziehungsmanagement erfolgen in einer “fragmentierten, dynamischen” (Franz-Josef Röll 2008) Lebenswelt mit Web 2.0. Kaum nachvollziehbar für die in einer Schriftkultur aufgewachsene Elterngeneration ist die veränderte Kommunikationskultur der mit Computer und Internet aufgewachsenen Generation. In vor Gefahren warnenden und die neuen Internet-Errungenschaften meist abqualifizierenden Zeitschriftenartikel und TV-Beiträgen wird über Vorfälle wie Mobbing, Bloßstellungen oder Lehrerbeschimpfungen berichtet, die nicht selten in einem bewahrpädagogischen Verhalten der Elterngeneration münden. Anstelle von Aburteilung und einem Verbot neuer Technologien ist ein Austausch zwischen den beiden Mediengenerationen mit ihren jeweiligen Kompetenzen notwendig. Jugendliche könnten die Elterngeneration an die durch Computer und Internet bedingten, veränderten Denk- und Wahrnehmungsweisen heranführen, Erwachsene könnten ihre ursprüngliche Aufgabe wahrnehmen, die jüngere Generation in ihrer Persönlichkeitsbildung fördern und zugleich Moral- und Wertorientierung bieten.

Medienpädagogische Projekte

Einige medienpädagogische Projekte haben sich dieser Herausforderung angenommen. So stellt “netzcheckers”, das Jugendportal der Bundesinitiative Jugend online, Jugendlichen eine Community als Erfahrungsraum zur Verfügung, in dem sie geschützt mit Web 2.0-Technologien experimentieren können. Markus Gerstmann vom ServiceBureau Jugendinformation in Bremen macht Jugendlichen in einer Schulstunde auf die Gefahren und Risiken der Communities aufmerksam und zeigt zugleich Möglichkeiten des Schutzes auf.

Das Referat “Bilden und Beteiligen” des Amtes für Soziale Arbeit Wiesbaden entwickelt mit einer Schulklasse eine interaktive Ausstellung zum kompetenten Umgang mit Web 2.0, die sowohl analog wie auch virtuell besucht werden kann. Sechzehn Schülerinnen und Schüler aus der achten Jahrgangsstufe werden zu “Web 2.0 Guides” ausgebildet. Sie geben ihre Erfahrungen, auch Hinweise und Tipps zum Schutz in Medienproduktionen wie Flyer, Plakate, Filmspots, Podcasts weiter und binden sie als “Medieninstallationen” in die Ausstellung ein. Die Web 2.0 Guides führen Schülerinnen und Schüler gleichen Alters durch die interaktive Ausstellung und betreuen einzelne Exponate. Mittels Peer Education als ein Kennzeichen der Web 2.0-Kultur lernen die jugendlichen Besucher nicht von Erwachsenen, sondern von Gleichaltrigen und erreichen damit Aufmerksamkeit, die Jugendliche Erwachsenen selten schenken. Neben dem Erwerb einer kompetenten Web 2.0-Nutzung und eines kompetenten Community-Umgangs lernen Jugendliche im Rahmen der Ausstellung die Web 2.0 Guides als Berater kennen. An sie können Schülerinnen und Schüler sich in Problemsituationen z.B. Mobbing-Opfer in einer Community oder bei weiterem Inforationsbedarf entweder direkt oder über das Internet wenden und auf diese Weise Unterstützung erfahren.

Diese medienpädagogische Praxisbeispiele sind erste Ansätze, um eine Annäherung zwischen den unterschiedlichen Mediengenerationen zu erreichen und tragen gleichermaßen zu einem pädagogischen Jugendmedienschutz bei.