Klimaneutralität ist „in“

Man kann CO2-frei Päckchen versenden, Auto fahren und fliegen, hunderte Firmen aller Branchen bieten auf einer Webseite ihre Produkte und Dienste emissionsfrei an und einige Unternehmen wollen gar komplett oder teilweise „klimaneutral“ arbeiten. Das Zauberwort bedeutet, dass die bei Herstellung und Nutzung von Produkten und Dienstleistungen entstehenden Treibhausgasemissionen durch Investitionen in Klimaschutzprojekte „kompensiert“ werden. Praktisch geschieht das durch den Ankauf und die anschließende Stilllegung von ökologisch hochwertigen Emissionsminderungszertifikaten aus anerkannten Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern. Das ist sinnvoll, denn die Finanzierung von Klimaschutz ist dort preisgünstiger, für dasselbe Geld ist mehr Klimaschutz möglich.

Blödsinn sei das, nichts anderes als moderner Ablasshandel, sagen Kritiker.

Das stimmt aber nicht, Klimaneutralität ist Klimaschutz – sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Denn seriös klimaneutral wirtschaften stellt hohe Anforderungen. Es verlangt

  • erstens den direkten und indirekten Energieverbrauch aller eigenen Aktivitäten drastisch zu senken,
  • zweitens Strom-, Heiz- und Kühlenergie aus Erneuerbaren Energiequellen zu beziehen,
  • drittens, nur die wirklich unvermeidbaren CO2-Emissionen zu „neutralisieren“, und
  • viertens in zertifizierte Klimaschutzprojekte zu investieren, die höchste Anforderungen an Umwelt- und Sozialverträglichkeit erfüllen und am besten den hierfür entwickelten, international akzeptierten „Gold Standard“ einhalten.

Derartige Neutralisierung ist praktizierter Klimaschutz, weil nicht nur Geld in irgendeiner zweckentfremdeten Kasse klingelt, sondern weil Geld in konkrete Klimaprojekte fließt. Das alleine bremst zwar nicht den Klimawandel, aber es trägt zu Emissionssenkung bei und ist eine Übergangslösung für Unternehmen und Verbraucher, bis sie so investiert oder ihr Verhalten geändert haben, dass der Energieverbrauch strukturell gesenkt oder CO2-frei ist.

Vorsicht ist jedoch geboten, denn immer mehr Anbieter, gemeinnützige Organisationen und Firmen, tummeln sich auf dem Markt derer, die diese Kompensierung anbieten. Die Qualität der Klimaschutzprojekte ist sehr unterschiedlich, bei manchen Anbietern ist darüber gar nichts zu erfahren. Problematisch ist auch, wenn bei Flügen nur ein Teil der Klimawirkung kompensiert wird, es aber so aussieht, als ob die Flüge durch Spenden ganz klimaneutral seien. Und manche Anbieter wollen nur das Gewissen beruhigen nach dem Motto, „Kauf du ruhig Spritschleudern – du kannst sie ja klimaneutral fahren“. So etwas ist kontraproduktiv und bringt das Instrument Klimaneutralität in Misskredit.

Vorsicht ist auch geboten, wenn Unternehmen behaupten, vollständig klimaneutral zu arbeiten. Hier bezieht sich die Klimaneutralität meist nur auf die eigenen Standorte. Doch wo entstehen die meisten CO2-Emissionen zum Beispiel von Finanzinstituten? In den eigenen Büros? Nein, bei der Finanzierung und Versicherung von emissionsträchtigen Industrien. Für diesen Effekt gibt es noch keine Messmethoden. Und darum gibt es auch noch keine klimaneutralen Finanzdienstleister.