Spaß im Netz - aber sicher

Kinder und Jugendliche sind zuhause in der virtuellen Welt

Nach einer rasanten Entwicklung in den letzten rd. 10 Jahren sind heute weite Teile der jungen Generation im Netz zu Hause. Die JIM-Studie 2008 des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, die Jugendliche in den Altersgruppen von 12 – 19 Jahren berücksichtigt, spricht von 98% der weiblichen und 96% der männlichen Jugendlichen, die regelmäßig zumindest selten online gehen. Der Bildungshintergrund von Jugendlichen spielt laut JIM-Studie 2008 nur noch eine geringe Rolle, wenn es um den Zugang zum Internet geht; allerdings hat er erheblichen Einfluss auf das Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen (vgl. JIM – Jugend, Information, (Multi-) Media 2008, S. 46). Während Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau Medien in erster Linie zu Unterhaltungszwecken nutzen, steht bei den besser gebildeten das Informationsinteresse im Vordergrund (vgl. Wagner/Theunert: Neue Wege durch die konvergente Medienwelt 2007). Diese Nutzungsmuster wirken sich auch auf die Chancen auf Teilhabe an der Gesellschaft und den Zugang zum Arbeitsmarkt aus.

84% der jugendlichen Internetnutzer nutzen Angebote des Web 2.0, drei Viertel haben persönliche Daten im Internet veröffentlicht, sei es auf einer eigenen Webseite oder in sozialen Onlinegemeinschaften. Das Internet wird zunehmend zum sozialen Lebensraum. Handlungen und Aktivitäten verlagern sich in die virtuelle Welt. Für Kinder und Jugendliche hat die Unterscheidung zwischen Realität und virtuellem Raum ihre Bedeutung verloren, woraus sich Risiken und Gefahren ergeben können.

Zwischen Selbstbewusstsein und Risikobewusstsein

Kinder und Jugendliche begegnen den neuen Medien ohne Vorbehalte, allerdings auch ohne Risikobewusstsein, wie eine qualitative Erhebung des Eurobarometer aus dem Jahr 2007 belegt (vgl. Eurobarometer 2007). Im Rahmen der Studie wurden in allen 27 europäischen Mitgliedsländern sowie in Norwegen und Island Interviews mit Kindern im Alter 9 – 10 Jahren und Jugendlichen im Alter von 12 – 14 Jahren geführt. Als häufigste Nutzungsformen wurden von den Kindern und Jugendlichen genannt: Kommunikation (steigend mit dem Alter, Mädchen mehr als Jungen), Blogs gestalten, Klingeltöne downloaden, Chatten, Kontakte zu ‘unbekannten’ Personen aufbauen und unterhalten, Teilnahme an Wettbewerben und Telefonieren über das Internet. Auf die Frage nach den möglichen Risiken reagieren sie selbstbewusst: Die meisten Kinder und Jugendlichen schätzen die eigene Medienkompetenz höher ein als die ihrer Eltern und glauben, mit möglichen Gefahren gut umgehen zu können. Lediglich jüngere Kinder und einige der Mädchen gaben an, durch bestimmte Inhalte schockiert zu sein. Für einige männliche Jugendliche sind Gewaltdarstellungen geradezu ein Anreiz, bestimmte Internetseiten aufzusuchen.

Gefährliche Kontakte sehen die im Rahmen der Eurobarometer-Interviews befragten Kinder und Jugendlichen als ein eher geringes Risiko, und sie sind sicher, dieses beherrschen zu können. Eltern und andere Autoritäten werden von den Kindern und Jugendlichen kaum ins Vertrauen gezogen, wenn es um Risiken und Gefahren des Internet geht; auch unangenehme Situationen werden nur selten mit erwachsenen Personen besprochen.

An dem durch die Stiftung Digitale Chancen koordinierten Youth Protection Roundtable haben technische Experten und Pädagogen aus 13 europäischen Ländern zusammen mit Jugendlichen diskutiert, wie sie durch die Vermittlung von Medienkompetenz dazu befähigt werden können, kompetent und angemessen mit den Möglichkeiten und Risiken des Internet umzugehen und wie außerdem technische Instrumente Kinder und Jugendliche davor bewahren können, mit ungeeigneten, unerwünschten und schädlichen Inhalten und Kontakten online konfrontiert zu werden.

Eine im Rahmen der Arbeit des Roundtables durchgeführte Expertenbefragung zeigt, dass die Risikoeinschätzung der Erwachsenen deutlich von der zuvor beschriebenen der Kinder und Jugendlichen abweicht.

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Abb.: Welche der genannten Risiken sind nach Ihrer Meinung am gefährlichsten für Kinder und Jugendliche? Bitte wählen Sie drei der genannten Risiken (n = 126)

Der Kontakt zu nicht altersgerechten sexuellen Inhalten gilt für mehr als zwei Drittel der befragten 126 Expertinnen und Experten aus 25 europäischen Ländern und Israel als besonders relevant. Am zweit häufigsten werden ‘Kontakte zu ungeeigneten Personen’ genannt, dies ist ebenfalls vor dem Hintergrund der vermuteten sexuellen Belästigung zu sehen. Auch Kontakte zu gewalthaltigen Inhalten und der Verlust von Privatsphäre spielen unter den von den Expertinnen und Experten erwarteten Risiken eine wesentliche Rolle. Rassismus, finanzieller Betrug und ungeeignete Beratung durch Forumsbeiträge sind dagegen von nachrangiger Bedeutung.

In Bezug auf Schutzmaßnahmen wurden die Experten gebeten, eine vorgegebene Auswahl von sechs verschiedenen Maßnahmen im Hinblick auf deren Eignung für den Schutz der jüngeren Altersgruppe bis einschließlich 13 Jahre, die als Kinder bezeichnet werden, und der Gruppe der Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren zu priorisieren.

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Abb.: Welche Maßnahmen sind nach Ihrer Ansicht am besten geeignet um Kinder/Jugendliche zu schützen? Priorität auf einer Skala von 1 bis 6 (n = 126)

Für die jüngere Altersgruppe sehen die meisten Expertinnen und Experten elterliche Kontrolle als die am besten geeignete Maßnahme, die Förderung der Medienkompetenz wird hier als zweit wichtigste Maßnahme genannt. In der Altersgruppe der 14- bis 17-Jährigen spielen die beiden gleichen Maßnahmen mit umgekehrter Priorität die wichtigste Rolle vor allen anderen Möglichkeiten. Die Kontrolle des Internet durch die Polizei könnte nach Einschätzung der Experten für beide Altersgruppen allenfalls in sehr geringem Maße die Sicherheit erhöhen.

Dies spiegeln auch die Antworten auf die Frage wider, wer Kinder und Jugendliche vor den Risiken des Internet schützen sollte. Auch hier wurden die Befragten aufgefordert, für fünf angebotene Möglichkeiten Prioritäten zu wählen. Eltern werden auch bei dieser Frage als diejenigen angesehen, die die Aufgabe des Jugendmedienschutzes am besten bewältigen können. An zweiter Stelle werden Lehrer und Jugendsozialarbeiter genannt. Politischen Entscheidungsträgern wird mehr Priorität eingeräumt als den Unternehmen, und die Polizei rangiert wiederum an letzter Stelle (Weitere Ergebnisse der Expertenbefragung sind zu finden unter www.yprt.eu/survey).

Wenn, wie aus den Ergebnissen der Eurobarometer-Studie hervorgeht, Kinder und Jugendliche ihre erwachsenen Ansprechpartner angesichts von Gefährdungen im Internet nur selten ins Vertrauen ziehen, müssen Eltern und Pädagogen sich noch eingehender als bisher mit der Frage befassen, wie sie der jungen Generation die in der Digitalen Welt erforderlichen Fähigkeiten und Werte erfolgreich vermitteln können.

Welche Werte gelten in der Digitalen Welt?

“Das Internet ist zu kompliziert” titelte am 30. November 2006 die Zeitschrift Internet World Business. Das scheint für Kinder und Jugendliche nicht zu gelten, aber für diejenigen Erwachsenen, die das Internet bisher nicht oder nur in geringem Maße nutzen. Wenn aber Erwachsene, Eltern und Kinder sich gleichermaßen sicher und kompetent durch die Digitale Welt bewegen sollen, bedarf es gemeinsamer Werte und Regeln.

Damit die Durchdringung unseres Alltags mit dem Internet einhergehen kann mit einer Bereicherung und Erweiterung der Möglichkeiten des Einzelnen und gleichzeitig einer größeren Chancengerechtigkeit, ohne dass es zu einem Verlust von gesellschaftlich anerkannten Werten kommt, müssen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und gesellschaftliche Gruppen gemeinsame Anstrengungen unternehmen.

An dem von der Stiftung Digitale Chancen koordinierten Youth Protection Roundtable wurde ein so genanntes Toolkit erarbeitet, dass Anbieter von Webseiten und Internetplattformen sowie die Hersteller von Jugendschutztechnologien aber auch Pädagogen und Erziehungsverantwortliche zu gemeinsamen Anstrengungen für einen sichern und kompetenten Umgang mit den Internet motiviert und Unterstützung dazu bietet. Dieses steht unter www.yprt.eu in englischer Sprache – ab Mai auch in einer deutschen Fassung – zum Download zur Verfügung.