Sozialunternehmen und “traditionelle” Unternehmen tun sich nur selten zusammen. Warum eigentlich?

Unternehmertum hat immer etwas mit dem Einsatz knapper Ressourcen zu tun, um zukünftige finanzielle und gesellschaftliche Erträge zu erzielen. Für Sozialunternehmer kann es, im Vergleich zu traditionellen Unternehmen, jedoch mitunter noch schwerer sein, Ressourcen zu mobilisieren. Die Gründungsphase ist vielleicht noch mit eigenen Mitteln oder “Love Money” (also Geld von der Familie oder von Freunden) zu schaffen. Auch lassen sich Pilotprojekte oft durch Stiftungen oder öffentliche Gelder finanzieren. Dann aber kann es schwierig werden. Wenn diese ersten Mittel verbraucht sind, die Organisation aber noch nicht groß genug ist, um bei Kapitalgebern wie BonVenture anzuklopfen, die im Durchschnitt zwischen 200.000 und 1 Mio. EUR investieren, kann dies die Fortführung des Sozialunternehmens gefährden. Rainer Höll und Felix Oldenburg von Ashoka Deutschland nennen diese Finanzierungslücke, die sich nach einer geglückten Anschubfinanzierung auftun kann, in einem ihrer Artikel das “Tal des Todes”.

Ganz generell lässt sich festhalten, dass die Finanzierungsinstrumente, die für Sozialunternehmer in den verschiedenen Phasen der Unternehmensentwicklung zur Verfügung stehen weit weniger ausgereift und differenziert sind, als dies für “traditionelle” Start-ups der Fall ist. Diese Lücke könnten deswegen Unternehmen schließen, die die Investitionen in Sozialunternehmen als strategische Chance sehen.

Die zweite Ressource, die Sozialunternehmen oftmals fehlt, sind Mitarbeiter mit Management Know-how. Also die Personen, die es braucht, um eine Organisationsstruktur aufzubauen, Abläufe effizient zu gestalten und das Sozialunternehmen auf Wachstumskurs zu bringen. Mit den Gehältern und der Sicherheit großer Unternehmen können Sozialunternehmen jedoch im Normalfall nicht mithalten. Helfen können an dieser Stelle Unternehmensprogramme, im Rahmen derer Unternehmen ihre Mitarbeiter für eine begrenzte Zeit freistellen, um sie an Sozialunternehmen “auszuleihen” (sogenannte “Corporate Volunteering-Programme”).

Unternehmen können Erfahrungen mit neuen Zielgruppen und neuen Märkten sammeln

Wo aber liegt der Nutzen für Unternehmen, die sich mit Sozialunternehmen zusammentun?

Zwei Punkte sind offensichtlich: Die Zusammenarbeit mit Sozialunternehmen kann die öffentliche Wahrnehmung positiv beeinflussen und Mitarbeitern können sinnvolle Möglichkeiten des Engagements und der persönlichen Weiterentwicklung angeboten werden. Beides könnte aber auch mit klassischen Corporate Social Responsibility-Maßnahmen erreicht werden. Spannend wird es, wenn sich Unternehmen mit Sozialunternehmen zusammentun, weil diese sich um Zielgruppen und Problembereiche kümmern, die auch für das Unternehmen interessant sind – oder es zukünftig noch werden könnten. Dann können Kooperationen “traditionellen” Unternehmen die Möglichkeit bieten, innovative Konzepte oder Geschäftsmodelle auszuprobieren und zu lernen. Für Unternehmen, die häufig in Märkten arbeiten, in denen die wesentlichen Bedürfnisse weitgehend gesättigt sind, könnte dies ein Weg sein, um neue Zielmärkte zu erschließen; vielleicht sogar solche, in denen es Bedürfnisse gibt, die nicht erst mühsam durch Marketing hervorgerufen werden müssen.

Ein gutes Beispiel wie solche Partnerschaften aussehen können, zeigt das Sozialunternehmen OneWorld Health. Die Organisation nutzt einen “Open Source Drug Development” Prozess, um gemeinsam mit Pharmaunternehmen nach Medikamenten für Krankheiten zu suchen, die in Entwicklungsländern Millionen von Menschen das Leben kosten. Mitunter haben die großen Unternehmen bereits Wirkstoffe entwickelt oder gar Patente angemeldet. Weil die Zielgruppe aber für ein profitorientiertes Unternehmen nicht zahlungskräftig genug oder zu schwer zu erreichen ist, setzten sie diese nicht ein. OneWorld Health ermöglicht es den Kooperationspartnern, diese Forschungsergebnisse nun doch zum Wohle der Menschen einzusetzen. Zudem können die Unternehmen von OneWorld Health lernen, welche Vertriebswege für Medikamente in Entwicklungsländern in Frage kommen.

Um Lernen ging es auch bei der Allianz. Seit 2004 kooperiert der Versicherungskonzern mit verschiedenen Partnern, darunter auch einer Vielzahl von Mikrofinanz-Initiativen und Kooperativen. Kooperationen mit lokalen Partnern waren notwendig, um zu verstehen, wie die Versicherungen ausgestaltet werden müssen, wie sie kommuniziert und verkauft werden können und wie eine Schadensregulierung erfolgen kann. Denn Erfahrungen mit Mikroversicherungen gab es in diesen Märkten kaum. Mittlerweile hat die Allianz Lebensversicherungen, Sachversicherungen und Krankenversicherungen an mehr als 3.8 Millionen Menschen in Indien, Afrika und Latein Amerika verkauft.

Im Biotech-Bereich ist es üblich, dass große Firmen die kleinen, innovativen Firmen als “ausgelagerte” Forschungs- und Entwicklungsabteilung sehen, die eingekauft werden, um so die eigene Produktpipeline aufzufrischen. Die Produktionskapazitäten und Vertriebsmöglichkeiten der großen Firmen wiederum helfen, die Innovationen am Markt zu einem Erfolg zu machen. Vielleicht wäre eine solche Arbeitsteilung auch zwischen Sozialunternehmen und “traditionellen” Unternehmen denkbar? Sozialunternehmen wären dann die Ideenlabore für gesellschaftliche Veränderungen, und die Unternehmen oder Non-Profit-Organisationen würden die gesellschaftlichen Veränderungen dann in die Breite tragen. Ganz ohne Probleme wird diese Arbeitsteilung sicher nicht zu haben sein. Wenn unterschiedliche Identitäten und Zielsetzungen (Profitmaximierung versus Nutzenmaximierung) aufeinandertreffen, wird es auch zu Spannungen kommen; eine Chance ist es aber allemal.

Sozialunternehmer nutzen digitale Technologie

In 2010 erhielt Stephan de la Peña eine E-Mail aus Kamerun, wo er einige Zeit bei einer NGO gearbeitet hatte. Die E-Mail kam von Neba, einem seiner ehemaligen Studenten in Kamerun. Der schrieb, dass er trotz seines fertigen Studiums keinen angemessenen Job finden konnte. Er arbeitete für 2 Dollar am Tag. Oft auf Baustellen. Oft erhielt er auch gar kein Gehalt. Ob Stephan ihm nicht helfen könne? Der konnte. Für seine Diplomarbeit hatte er einige Interviews geführt, die transkribiert werden mussten. Eine mühsame Arbeit, die genauso gut Neba erledigen konnte; für ein angemessenes Gehalt versteht sich. Aus der Idee entstand das Unternehmen Transfair, das es Privatpersonen und Unternehmen ermöglicht, ihre Transkriptionen oder Übersetzungsarbeiten in guter Qualität und zu einem günstigen Preis von hochqualifizierten Personen in Entwicklungsländern durchführen zu lassen. Da lediglich Daten ausgetauscht werden müssen, ist die Entfernung kein Problem. Transfair kann aufgrund des Lohnunterschieds faire Löhne an seine freien Mitarbeiter überweisen und die Kunden in Deutschland zahlen dennoch günstige Preise.

Dies ist nur eine von unzähligen Geschäftschancen, die digitale Technologien für Sozialunternehmer bereithalten. Dabei können das Internet oder Mobilfunkgeräte für ganz unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden: Sie können eingesetzt werden, um Akteure zu verbinden, die früher niemals zueinander gefunden hätten (z.B. die Mikrokredit-Plattform kiva.org), um Menschen zu mobilisieren (z.B. carrotmob.org, die übrigens mit Unilever kooperieren) oder um in Entwicklungsländern Dienstleistungen im Bildungsbereich, im Gesundheitssektor, in der Landwirtschaft oder im Finanzsektor einer Zielgruppe anzubieten, die früher unerreichbar schien. Und was ist mit denen, die dort kein Handy besitzen? Nun, deren Anzahl nimmt in Entwicklungsländern weiterhin rasant ab. Und zur Not gibt es vielleicht einen Mikro-Entrepreneur im Dorf, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, anderen sein Handy zu leihen.